Was auch immer einen bestimmten Menschen direkt betrifft,
betrifft indirekt auch alle seine Mitmenschen.
Ich kann niemals das sein, was ich sein sollte,
bis du das bist, was du sein solltest.
Und du kannst niemals das sein, was du sein solltest,
bis ich bin, was ich sein sollte.
– Martin Luther King Jr.
Dich nennt dein Name
Das Gedenktuch
Über 100 Personen haben für die Kinder, die in Israel und in Gaza getötet wurden, ein 24-teiliges Gedenktuch mit der Hand gestickt und genäht. Die Mitwirkenden leben in allen österreichischen Bundesländern, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Irland, Rumänien und in der Schweiz.
77 Frauen und vier Männer stickten und nähten das Tuch, die anderen unterstützten die Herstellung auf unterschiedliche Weise. Jede_R stickte für sich, verbunden sind wir durch unsere Trauer um die Menschen, die in Israel und Gaza gewaltsam ihr Leben verloren.
Die jüngste Stickerin ist 26 Jahre alt, die älteste 92. Ärztinnen und Ärzte, Buchhalterinnen, Hausfrauen, Historikerinnen, Lehrende, Logopädinnen, Pensionistinnen, Psychotherapeutinnen Restauratorinnen, Schriftstellerinnen, Soziologinnen, Studierende Textilkünstlerinnen und Volkswirtschaftler haben das Gedenktuch gemeinsam erarbeitet. In dem Tuch stecken etwa 3.500 freiwillige Arbeitsstunden. Dank des Engagements so vieler Personen wurde das 36 Quadratmeter große Tuch im Jahr 2025 in acht Monaten hergestellt.
Ohnmacht
Gewalt wird verübt. Wir können der Gewalt nichts entgegensetzen als unser Nein und unsere Gedanken an die Opfer. Ein Gedenktuch kann Gewalt nicht aufhalten. Es kann gegenüber den Opfern der Gewalt und gegenüber deren Familien lediglich ausdrücken: Ihr seid uns nicht gleichgültig. Wir denken an euch. Ob ihr in Israel oder in Gaza getötet wurdet, wir trauern um euch und mit euren Nächsten. Wenn das Gefühl der Ohnmacht unerträglich wird, entsteht daraus der Drang, etwas zu tun. Das Gedenktuch entstand aus unserer Ohnmacht.
Trauer
Der Konflikt zwischen Israelis und PalästinenserInnen ist politisch hoch aufgeladen. Die Sprachen der Waffen und der Extremisten bestimmen diesen Konflikt. Darin geht die Stimme des einzelnen Menschen unter, die Stimme des schluchzenden, verzweifelten, verstummenden Menschen. Auch die Stimmen der anteilnehmenden, trauernden Menschen gehen unter im Getöse der missiles und Meinungen.
Das Gedenktuch ist ein Ausdruck unserer Trauer um die getöteten Menschen. Indem wir jedem Kind, dessen Namen wir sticken, ein eigenes Namensfeld geben, möchten wir an diesen einzelnen Menschen erinnern. Wir betrauern nicht Kollateralschäden. Wir betrauern Menschen, die gewaltsam getötet wurden. Leid und Verlust teilen und gemeinsam trauern, könnte das einen Weg ebnen auf einander zu?
Mitgefühl
Das Gedenken an Tausende getötete Kinder gelingt uns nicht. Wir erfassen lediglich etwas geballt Entsetzliches, nicht das einzelne Kind, dem das Entsetzliche zustößt. Könnten wir uns jedes einzelne Kind vorstellen, sprächen wir nicht von Gedenken, sondern sagten: Ich denke an Dich, Du fehlst mir.
Wir versuchen, das Leid beider Seiten des Konflikts wahrzunehmen. Das ist leicht gesagt. Im Laufe der Arbeit an dem Gedenktuch erlebten wir, wie schwierig dieser Vorsatz zu verwirklichen ist. Er forderte die Auseinandersetzung mit den uns selbst innewohnenden dunklen Seiten, die wir nur allzu gern anderen zuschreiben. Womöglich waren es ähnliche Erfahrungen, die Mahatma Ghandi dazu führten, die Auseinandersetzung mit sich selbst als ersten Schritt hin zur Gewaltlosigkeit zu nennen.
Innehalten
Wir haben die Namen in hebräischem oder arabischem und lateinischem Alphabet mit Lavendelöl auf grauen Stoff gedruckt, dann mit der Hand gestickt und schließlich auf schwarzes Tuch appliziert und genäht.
Handstickerei ermöglicht Innehalten. Sie fordert Verlangsamung, völlige Zuwendung und gleichschwebende Aufmerksamkeit. Handstickerei braucht Ruhe, braucht Zeit und duldet keine Abkürzungen. Diese Verlangsamung gleicht einem Gegenpol zur Geschwindigkeit von Bomben und Raketen. Ist Handstickerei vielleicht ein anderer Name für Meditation? Während die Hand Nadel und Faden bewegt, findet das Gemüt Zeit, sich mit dem Namen zu verbinden, den die Hand stickt. Die Sprache selbst drückt das unsichtbare Geschehen aus: In dem Wort Nähen steckt die Nähe. Zeit zum Innehalten und Zeit zum Trauern sind Privilegien, die wir nur in Friedenszeiten haben.
877 Namen
Als unser Projekt Gestalt annahm, waren die Namen jener Menschen veröffentlicht, die zwischen 7. Oktober 2023 und Ende März 2025 in Israel und in Gaza getötet worden waren. Aus diesen Veröffentlichungen entnahmen wir die Namen für das Gedenktuch.
In Israel waren vierzig Kinder getötet worden, drei von ihnen vor ihrem ersten Geburtstag.
In Gaza waren über 17.000 Kinder getötet worden, 874 von ihnen vor ihrem ersten Geburtstag.
Wir wählten für das Gedenktuch die Altersgruppe der Kinder, die vor ihrem ersten Geburtstag getötet worden waren, weil man Menschen, die noch nicht sprechen können, nicht den Vorwurf machen kann, sie wären Sympathisanten einer extremistischen Gruppe. Gewidmet ist das Gedenktuch allen Kindern, die in Gaza und in Israel getötet wurden.
Datenquellen
Die Namen der getöteten Kinder stammen aus zwei Listen:
Swords of Iron: Civilian Casualties
Diese beiden Listen sind unterschiedlich strukturiert.
Die israelische Liste nennt keine Geburtsdaten, sondern das Alter der Kinder zum Zeitpunkt ihrer Tötung. Diese Angaben haben wir für das Gedenktuch übernommen.
Die palästinensische Liste nennt nicht den Todestag eines Kindes, sondern den „Tag des Berichts”, also jenen Tag, an dem der Tod einer Person der Behörde gemeldet wurde. Oft lagen die Getöteten längere Zeit unter Gebäudetrümmern, und der genaue Todeszeitpunkt konnte nicht festgestellt werden. Aus diesem Grund nennt das Gedenktuch keine Todesdaten der palästinensischen Kinder, sondern nur deren Geburtsdatum.
Ausstellung
Die erste Ausstellung des Gedenktuchs fand von 21. bis 25. Mai 2026 in der Kollegienkirche Salzburg statt.
Sollten Sie Interesse an einer Ausstellung des 24-teiligen Tuches an Ihrem Veranstaltungsort haben, kontaktieren Sie uns: youhaveaname@a1.net. Das Tuch kann auch in seinen einzelnen Teilen (je 155 x 95 cm) gezeigt werden.
Hanna Sukare und Esche Schörghofer, Initiatoren des Gedenktuchs